Dianas Erbe - Die Jägerin

Prolog

 

Das Feuer warf gespenstische Schatten an die Wand seiner Hütte. Überall tanzten sie, die Schatten, und bald würde er dazugehören, ein Schatten unter vielen sein. Er war besiegt worden, das musste er anerkennen. Und doch wollte er sich damit nicht zufriedengeben, nicht mit der Niederlage, nicht mit seinem sicheren langsamen Tod. Es musste eine Möglichkeit geben. Die gab es immer.

Ein dumpfes Pochen an der Tür riss ihn aus seinen Gedanken. Was wollten sie jetzt noch von ihm? Sie hatten ihr Urteil doch längst gefällt. Überraschung stand auf seinem Gesicht, als er die Gestalt in der Tür erkannte. Wut flammte in ihm auf.

„DU?", schrie er die Frau an. "Du wagst es, mir unter die Augen zu treten? Du wagst es hierher zu kommen, nachdem eine deiner Kriegerinnen den Bann aussprach, der mich zu einem Tod auf Raten verurteilt hat?“

„Sie ist nicht meine Kriegerin“, sagte die Frau barsch. „Sie versteht genauso wenig, wie deine Leute verstanden haben. Magie ist nie schwarz oder weiß. Sie ist grau, erst die Anwendung macht sie zu dem, wofür wir sie halten.“

Ihr Vortrag machte ihn wütend. Diese Überheblichkeit mit der sie auftrat, selbst angesichts der Verluste auf ihrer Seite war unfassbar. Aber jetzt, da er nichts mehr zu verlieren hatte, brauchte er ihr auch keinen Respekt mehr entgegenbringen.

"Hör auf zu faseln, dummes Weib“, unterbrach er sie barsch. „Was willst du von mir?"

„Du wirst sterben, aber deine Magie wird weiterleben. Lehre mich deine Kraft zu beherrschen.“

„Was bietest du mir dafür?“

„Frieden“, sagte die Frau.

Er lachte auf. „Frieden ist kein Wort in meiner Gemeinschaft. Die Deinen haben dafür gesorgt, dass wir keinen Frieden kennen.“

Die Frau trat einen Schritt näher. „Was willst du?“

„Rache“.

„Sie ist tot, falls du das vergessen haben solltest.“

„Ihre Töchter leben.“

Die Frau trat einen Schritt zurück, Schrecken zeichnete sich in ihrem Gesicht ab.

„Von ihnen wirst du die Finger lassen.“

Er spürte Befriedigung, fast so etwas wie Freude, trotz der Schatten die schon nach seiner Seele griffen. Die Frau hatte einen Schwachpunkt. Vielleicht war es zu spät, daraus Kapital zu schlagen, aber alleine das Wissen darum war wohltuend und dämpfte seine Wut.

„Was willst denn du?“, fragte er. „Warum willst du lernen?“

„Ordnung“, sagte sie. „Es muss wieder Ordnung einkehren.“

Er lachte. „Das passt zu dir. Ordnung ist dein Leben, was?“

„Ordnung hält die Welt zusammen“, sagte sie. „Vielleicht bringt sie dir sogar die ersehnte Rache“.

Flüsternd wurde die Unterhaltung weitergeführt, denn die Geheimnisse, die sie teilten durfte kein Sterblicher je erfahren. Doch er erkannte das Potential das darin lag.

Sie reichte ihm die Hand, um ihren Pakt zu besiegeln, doch er schüttelte den Kopf. „Ein Handschlag wird nicht reichen, für das was wir vorhaben.“

Sie zog ein Messer aus ihrem Umhang. Die Klinge blitzte auf, Blut tropfte auf den Boden.

„Genug?“, fragte sie.

Er lachte. „Sieh an, du bist bereit, Schmerz zu ertragen. Die Frage ist nur, wieviel Schmerz?“

Ihr Gesicht war unbewegt, als sie antwortete. „Soviel notwendig ist. Wieviel Schmerz ist notwendig?“

„Alles“, fauchte er, ehe er zum Untier wurde.

Die Frau schrie, als er sie zu Boden riss. Doch dann erkannte sie das Ausmaß der Macht, die sie erlangen konnte. Sie ließ es zu, dass er sie erniedrigte, während sich ihre Seele mit den Schatten verband, die auch sein Herz beherrschten.

Er würde sterben, aber was er in Gang gebracht hatte, musste seinen Lauf nehmen. Licht und Schatten würden sich verbinden und die Welt in eine neue Ordnung bringen. SIE würde die Welt in eine neue Ordnung bringen.

„Nun, bist du bereit, Frau?“, fragte er, als sie vor ihm am Boden lag.

Sie war verletzt, wie man nur sein konnte, und doch stärker denn je. Mühevoll kam sie auf die Beine, strich ihre Kleider glatt und klopfte den Staub aus ihren Haaren. „Ja“, sagte sie, „ich bin bereit.“

 

 

 

eins

eine Vollmondnacht

 

Die neuen Scheibenwischerblätter haben keinen halben Tag überlebt. Das Fußballspiel ist gerade mal seit zehn Minuten zu Ende, da landet der erste Feuerwerkskörper auf unserer Windschutzscheibe und macht dem Gummi den Garaus. Ich drehe das Radio aus und den Funk lauter. "...Schlägerei mit mehreren Personen...", plärrt es aus dem Lautsprecher. Der Rest der Meldung verschwindet im Rauschen atmosphärischer Störungen. Ich runzle die Stirn. Hat es nicht einmal geheißen, mit diesen neuen Digitalfunkgeräten sollte dieses Problem behoben sein? Das Gerät kümmert sich jedenfalls nicht um das was sein sollte und rauscht weiter munter vor sich hin. Nur die Häufigkeit des Rauschens lässt den Schluss zu dass viel gefunkt wird diesen Abend, also dementsprechend viel los ist. Der Abend kann wirklich noch interessant werden.

Wir sitzen eingepfercht wie Sardinen in der Dose im Einsatzbus, der heute frisch poliert aus der Werkstatt kam, und warten auf weitere Anweisungen, während harmlos feiernde Fans, bekannte Radaubrüder und eine Menge Betrunkener ohne erkennbare Zugehörigkeit an uns vorbeimarschieren und dabei mehr oder weniger sinnbefreite Äußerungen von sich geben. Es ist ungewöhnlich heiß für die Jahreszeit, wir schwitzen in unserer Schutzausrüstung. Rauch vernebelt die Sicht, quillt durch den offenen Fensterspalt, der eigentlich die drückende Hitze etwas lindern sollte. Ich muss husten. Atemschutzausrüstung würde manchmal nicht schaden. Der nächste Leuchtkörper verfehlt uns nur knapp.

„Lynne, was ist wenn sie das Auto anzünden?“, fragt Michael hinter mir.

„Dann bekommen sie Sachbeschädigung in Tateinheit mit Brandstiftung“, berufe ich mich auf das Strafgesetz. Ich weiß, er will einen Notfallplan, keine rechtliche Belehrung. Doch ich habe keinen Plan B, denn es war nicht vorgesehen, dass wir mitten im Tumult landen. Unsere Situation ist das Ergebnis der üblichen Fehlplanung in den oberen Rängen. Es hieß, man habe das Problem im Griff, bekannte Randalierer hätten Stadionverbot. Wir sind zu wenig Leute mit zu wenig Ausrüstung und rundherum zu viel Chaos.

„Hast du keine Angst, Lynne?“, fragt Michael.

Er ist noch nicht lange bei unserer Truppe, es ist erst sein drittes Fußballspiel, und die letzten beiden waren vergleichsweise harmlos. Ich weiß nicht, was ich ihm antworten soll, suche nach irgendwelchen passenden und doch unverbindlichen Floskeln. Denn die Wahrheit klingt so abwegig, dass ich sie lieber verschweige, überhaupt gegenüber einem ohnehin schon überforderten Anfänger.

Nein, ich habe keine Angst. Eigentlich fühle ich mich richtig gut, und vielleicht ist das das Beunruhigendste an der ganzen Situation. Denn genaugenommen sollte es nicht so sein. Wir sitzen zu zehnt in einem Auto, das für acht gedacht ist, und wir werden schlecht bezahlt für einen beschissenen Arschjob. Ich hätte mich längst woandershin versetzen lassen können, aber ich möchte keine Minute von dem ganzen Chaos missen. Ich liebe die angespannte Stimmung, die aufgeheizte Atmosphäre, das Gefühl dass sich alles jederzeit in einer gewaltigen Explosion entladen kann. Genau deshalb liebe ich meinen Job. Genau deshalb bin ich in der Einsatzeinheit, und nicht in der Verkehrsabteilung. Zum Knöllchenschreiben ist mir die Motivation schon lange abhanden gekommen.

„Das ist unser Job“, sage ich. „Es gehört dazu, auch schwierige Situationen zu meistern. Die Menschen da draußen, also zumindest die, die nicht angetrunken sind, vertrauen darauf, dass wir das können.“

Michael schluckt hörbar und erwidert nichts mehr.

Ich lasse meinen Blick von dem Chaos auf der Straße hinauf zum Himmel schweifen. Der volle Mond steigt langsam hinter einer Baumgruppe hervor. Sind die Leute deshalb so verrückt heute, weil Vollmond ist? Dann sollte die Bundesliga vielleicht ihren Spielplan nach dem Mond richten. So ein Unsinn, rufe ich mich selbst zur Vernunft. Die Leute sind immer bekloppt, und heute zusätzlich sturzbesoffen, der Mond macht einen feuchten Scheißdreck was aus. Und doch traue ich meinen eigenen Gedanken nicht.

Ein lauter Knall beendet den Moment der Unaufmerksamkeit. Irgendetwas hat die Scheibe eingeschlagen. Zersplittertes Glas rieselt mir auf den Schoß. Ein vermummter Mann rüttelt an unserem Seitenspiegel, in der anderen Hand hält er eine brennende bengalische Fackel.

Innerhalb weniger Sekunden bin ich draußen, bekomme ihn an seiner Jacke zu fassen. Er wirbelt herum, lässt vor Überraschung seine Fackel fallen.

„Du Miststück“, lallt er und holt aus. Er ist größer und stärker als ich, aber der Alkohol macht ihn träge. Sein Schlag verfehlt mich knapp. Ich trete ihm von hinten in die Kniekehle, er geht zu Boden, doch seine Hand hat mich am Ärmel gepackt und reißt mich mit. Verdammt. Wir ringen beide um unser Gleichgewicht, ein Knäuel aus Armen und Beinen, dann findet mein Knie den Weg in seine Weichteile. Er krümmt sich wimmernd am Boden und lässt sich widerstandslos die Handschellen anlegen. Einige Sekunden genieße ich meinen Triumph, ehe ich Verstärkung anfordere. Dieser Idiot wird sicher nicht der letzte sein, mit dem wir uns heute befassen müssen. Noch mehr Glas klirrt, anscheinend wirft jemand mit Flaschen. Oder mit Steinen auf Glasscheiben, das kann ich in dem Tumult kaum ausmachen. Hinter unserem Fahrzeug ist eine handfeste Rauferei am Laufen, Rainer und Michael versuchen, die Streithähne auseinanderzubringen. Feuerprobe für unseren Neuling. Ich muss mich zurückhalten, dass ich mich nicht selbst ins Getümmel stürze. Einer muss den Überblick behalten, zumindest solange es die Umstände erlauben, und noch kommen die beiden ohne mich ganz gut zurecht. Ein junger Mann, der einen Schal mehrmals um das Gesicht gewickelt hat, geht neben mir zu Boden, seine Hand greift nach unserer Stoßstange, als er sich wieder aufrappelt. Blutige Fingerabdrücke bleiben zurück, auch auf dem Boden ist Blut. Irgendwo flackert ein Blaulicht auf, ein Rettungswagen bahnt sich im Schritttempo seinen Weg durch die Menschenmenge.

„Scheiß Bullen!“ schreit jemand. Eine Flasche zerbricht klirrend neben mir auf dem Asphalt. Die Rettungsleute setzen Helme auf, während ihr Patient, der zuvor irgendwo in dem ausrastenden Menschenknäuel involviert war, wild gestikulierend irgendjemanden als Arschloch beschimpft, und das Blut noch weiter verteilt. Dann sinkt der Mann ohne Vorwarnung zusammen und bleibt reglos liegen. Wir versuchen den Platz abzusperren. Zehn Leute gegen mehrere hundert, die vorbeidrängen. Ein Ding der Unmöglichkeit. Jemand wirft einen Gegenstand auf den Rettungswagen. Damit ist das Maß voll. Das Feuer in mir, das den ganzen Abend vor sich hinglomm, lodert hoch. Ich übernehme das Kommando.

„Zugriff, Jungs. Was genug ist, ist genug. Jetzt kaufen wir uns die Truppe.“

Ich bin mir sicher, dass es wieder Ärger von ganz oben geben wird. Ich kenne die Leier. Selbstschutz vor Fremdschutz, nicht in Unterzahl angreifen, sich an den Einsatzplan halten. Wenn bloß dieser Plan nicht immer vom größten Idioten des gesamten Stabs erstellt würde. Mir ist das egal, denn am Ende müssen sie ohnehin zugeben, dass wir Recht hatten. Wir sind, verdammt noch mal, nicht hier um zuzuschauen, und ich weiß, dass jeder einzelne in meinem Team diese Meinung teilt.

Meine Jungs haben auf diesen Moment gewartet, starten den Gegenangriff. Die Apokalypse bricht nun endgültig los. Wir sind zehn Mann. Noch einmal soviel sollten als Verstärkung unterwegs sein. Der Teufel weiß, ob sie es jemals durch das Chaos zu uns schaffen.

Unsere Gegner sind nicht viel mehr, ein kleiner Haufen Chaoten, die bei jedem Spiel auf den Ärger danach warten, eine Minderheit verglichen mit der großen Masse der normalen, friedlichen Fußballfans. Trotzdem fühlt es sich an wie Weltuntergang.

Ein Chaos aus Sprechgesängen und Schreien, erhellt von der unheimlichen Kombination aus Mondschein und flackernden Blaulichtern. Hier bin ich in meinem Element. Es ist unbedeutend, dass ich seit Mittag im Dienst bin, nichts gegessen und kaum etwas getrunken habe. Es ist unbedeutend, dass die Schutzkleidung unbequem ist, Schweißtropfen und Kondenswasser die Sicht durch das Helmvisier vernebeln. Es ist unbedeutend, dass ich hart auf dem Boden aufkomme, als mich irgendjemand zu kräftig anrempelt, dass ich beim Aufstehen meinen Handschuh verliere und Glassplitter sich in meine nun ungeschützte Haut bohren. Es ist wie ein Rausch, der mich unverwundbar macht. Ich spüre keinen Schmerz, keine Hitze, keine Erschöpfung. Und keine Gnade. Ich bin ein Raubtier in dem Moment, das die Beute wittert, sie verfolgt, zur Strecke bringt. Eine hungrige Wölfin auf der Jagd. Keine gute Ausgangsposition für die Fußballrowdys.

*

Ich könnte nicht sagen, wie viel Zeit vergangen ist, als wir wieder in der Wache sind. Die Bilanz des Abends kann sich sehen lassen. Sieben Festnahmen, ein gutes Dutzend Anzeigen, neun abtransportierte Verletzte, davon zwei aus den eigenen Reihen. Und immer wieder Fassungslosigkeit darüber, wie viel Chaos eine so kleine Gruppe von Menschen verursachen kann.

Erst jetzt wird mir bewusst, dass ich eigentlich ziemlich fertig bin. Schweiß rinnt mir die Stirn herab, als ich den Helm abnehme, Haarsträhnen hängen verklebt und fettig ins Gesicht. Wahrscheinlich sehe ich aus wie eine Vogelscheuche. Ich lasse ich mich in den einzigen einigermaßen bequemen Stuhl in unserer Wachstube fallen. Erstaunlich eigentlich, dass da noch keiner sitzt. Leise fluchend stelle ich fest, dass mein Hintern wehtut. Bin ich wirklich so hart auf den Asphalt geknallt?

Es ist mittlerweile kurz nach Mitternacht. Vor zwei Stunden hätten wir Dienstschluss gehabt. Doch anstatt gemütlich im Bett zu liegen, kämpfen wir noch mit dem unvermeidlichen Papierkram.

Manches Protokoll liest sich als entstamme es aus einem Kabarettprogramm. Der Festgenommene gibt an, seinem Kontrahenten die Fresse poliert zu haben, weil dieser auf die Reifen seines abgestellten Motorrades urinierte.

„Unglaublich, wie viele Schwachköpfe es gibt.“, stelle ich fest, und schiebe den Bericht zu Rainer, der neben mir auf der Tischkante sitzt.

Er grinst frech. „Aber Lynne, was täten wir denn ohne die Schwachköpfe?“

„Gemütlich in der Wache einen Kaffee trinken und pünktlich Feierabend machen?“, schlage ich vor.

„Jetzt sei doch nicht so. Gib doch zu, dir hat es sogar Spaß gemacht.“

Ich muss lächeln, aber erspare mir die Antwort. Wir arbeiten schon zu lange zusammen, als dass ich ihm noch etwas vormachen könnte.

Im Nebenzimmer versucht unser Chef verzweifelt Ersatz für einen verletzten Kollegen zu finden, damit die Sektorstreife den Rest der Nacht wie vorgesehen fahren kann. Ein Telefon klingelt, im Hintergrund rauscht ein Funkgerät leise vor sich hin. Ich schließe einen Moment die Augen und lausche den vertrauten Geräuschen. Hier habe ich das Gefühl, so etwas wie eine Heimat zu haben. Zu Hause zu sein. Kurz überlege ich, ob ich nicht selbst dem Chef aus der Patsche helfen soll.

„Na, Lynne?“, Rainer wedelt mit seinem halbfertigen Bericht vor meiner Nase herum. „Wie wäre es, wenn wir beide noch ein paar Stündchen Streifendienst dranhängen? Du siehst topfit aus, so als könntest du locker noch zwei, drei Fußballrowdys unterm Arm nach Hause bringen!“

„Ich glaube, der Vollmond tut dir nicht gut“, erwidere ich scherzend, und ärgere mich zugleich, dass ich nun selbst auf dieses leidige Thema zu sprechen komme.

Vollmond. Ich hasse den Vollmond, und doch kann ich mich der Faszination dieser Nächte nicht entziehen.

*

Ich komme irgendwann heim, viel später als vorgesehen, und bin todmüde. Ich stinke nach Schweiß, Rauch und Bier. Nicht mein Bier freilich, sondern das eines betrunkenen Fußballfans. Es ist still im Haus, meine Schwester schläft sicher schon. Auf Zehenspitzen schleiche ich die Treppe hoch, reiße mir die verschwitzten Kleider vom Leib, dusche hastig. Nur in ein Handtuch gehüllt, gehe ich in mein Schlafzimmer. Aus der Ecke, in der die große Zimmerlinde steht, raschelt es verdächtig. Im Schein meiner Taschenlampe funkeln mich zwei Augen an, dann springt die Katze vom Baum und flüchtet aus dem Zimmer.

Draußen steht der Vollmond immer noch hoch am Himmel. Sein Licht scheint auf mein Gesicht, und ich spüre wieder diese Macht, der ich nicht widerstehen kann. Etwas passiert heute. Ich versuche die aufkeimende Unruhe beiseite zu schieben, diese Mischung aus Sorge und freudiger Erwartung. Heute ist, verdammt noch mal, schon genug passiert.

Mir ist danach, nackt zu schlafen. Jedes Kleidungsstück kommt mir beengend vor. Und überhaupt habe ich keine Lust, mir etwas zum Anziehen zu suchen. Ich bin müde, und doch zugleich hellwach. Meine Blicke wandern unweigerlich in Richtung Fenster. Die Vollmondnacht ist noch lange nicht zu Ende. Ich schüttle mein Haar, als könnte ich all meine seltsamen Gedanken damit loswerden, und lege mich schließlich doch ins Bett. Die frische Bettwäsche fühlt sich angenehm kühl an auf meiner Haut. Ich schließe die Augen, suche Zuflucht in der Dunkelheit.

 

Mondlicht fällt auf die Lichtung und verleiht ihr eine übersinnliche Aura. Blätter rascheln im Wind, es klingt als würden die Bäume miteinander flüstern. Fetzen verdrängter Erinnerungen bahnen ihren Weg an die Oberfläche. Ich bin schon einmal hier gewesen. Ein leiser Klagelaut dringt von weit her, schwillt schließlich an zu einem kraftvollen Heulen. Ich kenne dieses Geheul, besser als mir lieb ist. Wölfe. Und doch klingt ihr Gesang anders, als ich es gewohnt bin. Sie sind ganz nah, das spüre ich. Plötzlich knackt es im Unterholz, ein Tier nach dem anderen springt heraus auf die Lichtung. Ihre Pelze schimmern silbrig im Mondlicht. Sie bilden einen Halbkreis, die Schwänze artig um ihre Pfoten geschlungen, als wären sie zahme Haushunde. Es scheint als warteten sie auf ihre Herrin. Nein. Nein, das darf nicht sein. Sie ist doch hoffentlich nicht hier. Ich versuche wegzurennen, aber meine Beine gehorchen mir nicht. Ich empfinde nichts als blanke Angst. Warum hat sie mich hierher bestellt, nach all den Jahren? Wieder stimmen die Wölfe ihr Geheul an, und diesmal wird mir bewusst, warum es so anders ist – es gilt mir. Sie warnen mich vor einer Gefahr. Aber vor welcher? In der Ferne höre ich Hufgetrappel, Jubelschreie von Frauen. Das Surren gespannter Bogensehnen. Sie kommen immer näher. Ich muss weg von hier, wenn sie mich sehen, bin ich verloren. Ich schreie, obwohl ich weiß, dass mich niemand hören wird. Gleißendes Licht blendet mich.